< zurück zum Archiv 6. Mai – 6. Juli 2001

Die publizierte Zeichnung
Die Ästhetik der Reproduktion im
Zeitalter des Klassizismus


John Stuart (1713-1788),
Die Auffindung des Mosesknaben nach Raffael, 1747, Strichradierung
und Pinselätzung

Anonym (18. Jahrhundert)
nach Parmigianino, Liebespaar in einem Wald, Strichradierung, Aquatinta und Pinselätzung in drei Brauntönen
Die Graphische Sammlung der ETH widmet ihre kommende Ausstellung den Frühformen der Faksimilierung. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erwuchs innerhalb eines internationalen Kreises von Sammlern und Kennern der Wunsch, Handzeichnungen exakt reproduzieren zu können. Erste Resultate tauchten um 1730 in Frankreich, Italien und England auf. Dabei versuchte man, die Handzeichnung so authentisch nachzuahmen, dass auch Sammler, die keinen unmittelbaren Zugriff auf das Original besassen, sich von der "Handschrift" des Künstlers ein Bild machen konnten. Wegen dieses Anspruches verfeinerten sich im Laufe des 18. Jahrhunderts die Reproduktionstechniken erheblich. Beispielsweise wurde der Vorliebe für die Rötelzeichnung in der eigens entwickelten "Crayonmanier" entsprochen, die den Rötelstift täuschend echt wiederzugeben verstand.

Am Beispiel des Künstlers Parmigianino lässt sich das Bemühen um eine gleichwertige Wiedergabe der Handzeichnung vorzüglich verfolgen. Einerseits zählte sein zeichnerisches Oeuvre im 18. Jahrhundert zu den am häufigsten reproduzierten Vorlagen. Andererseits hat dessen Verbreitung im Medium der Druckgraphik eine lange Tradition, die teilweise von ihm selbst initiiert wurde. So lässt sich an einem exemplarischen Fall die gesamte Palette derartiger Bemühungen über mehrere Jahrhunderte hinweg verfolgen.

Die Zeichnungsreproduktion verdankt ihren Anstoss einer Reihe von Zeichnungsliebhabern, von denen einige selbst geübte Stecher oder Holzschneider waren. Dazu gehörten etwa der französische Graf Anne-Claude-Philippe de Caylus, der venezianische Graf Anton Maria Zanetti oder der vermögende Niederländer Jacob Cornelis Ploos van Amstel.

In dem Masse, wie die Bedeutung der Zeichnung bzw. des Designs auch für die industrielle Produktion erkannt wurde, wuchs das Interesse an gezeichneten Bildvorlagen. Faksimiliert in Lehrbüchern als Anleitung zum Zeichnungshandwerk erhielten sie ebenso Verwendung, wie sie als Sujets etwa in Porzellanmanufakturen unentbehrlich wurden. Schliesslich haben namentlich Schweizer Stecher wie Johann-Ludwig Aberli das Verfahren umgedreht und der gedruckten Umrissradierung durch die Handkolorierung wieder die Aura des Unikats verliehen.

Die Druckgraphik verdankt diesen Frühformen der Faksimilierung eine wesentliche theoretische Aufwertung und vor allem eine bedeutende Entwicklung ihrer technischen Mittel, die ihr neue Felder des Ausdrucks erschloss.
P R E S S E


Tages Anzeiger vom
1. Juni 2001



NZZ vom
29. Mai 2001



NZZ, Beilage "Literatur und Kunst" vom
7./8. Juli 2001
Seite aktualisiert 22.1.2002_mm