< zurück zum Archiv 18. November 2005 - 8. Januar 2006:

Schweizer Druckgraphik 1980 - 2005
Die Graphische Sammlung der ETH zu Gast im Helmhaus Zürich





Martin Disler (1949-1996)
Ohne Titel
Farbholzschnitt
1990
Graphische Sammlung der ETH Zürich


Cécile Wick (*1954)
Ohne Titel, Blatt aus der Folge: Fälle
Photogravur
1996
Graphische Sammlung der ETH Zürich

Seit den 1980er Jahren experimentieren die Künstlerinnen und Künstler mit Grossformaten. Ähnlich wie in der Malerei, werden die bedruckten Flächen immer ausgedehnter. Bei Martin Disler und Josef Felix Müller überschreiten sie sogar die Masse von drei auf fünf Meter und werden als Graphikfolgen in umfassenden Rauminstallation arrangiert. Als Matrize kann schon mal der Atelierboden dienen, mit der Axt bearbeitet (Josef Felix Müller). Drucken wird von diesen Künstlern und Künstlerinnen als physisch erfahrbarer Prozess beschrieben (Martin Disler). Miriam Cahn zum Beispiel benutzte für ihre Kaltnadelblattfolge soldaten, frauen + tiere (1995) Handschuhe, die sie an den Handballen und Fingerkuppeln mit groben Sandpapier beklebte. Das erlaubte ihr, unmittelbar mit den Händen die Druckform zu bearbeiten.

Eng verbunden mit dem körperlichen Erleben während der Bearbeitung der Druckform sind die dargestellten Themen: Im Zentrum steht der Mensch als physisches und psychisches Wesen (Martin Disler, Josef Felix Müller, Klaudia Schifferle). Demgegenüber sind die Arbeiten etwa von John Armleder, Helmut Federle, Jean-Luc Manz oder Olivier Mosset abstrakt-konkret ausgerichtet. Anregungen zu geometrischen Bildkompositionen boten diesen Künstlern Wahrnehmungen ihrer alltäglichen Umgebung oder subjektives Erleben. Dieses Formenrepertoire wandelten sie frei ab oder liessen es durch Zufälligkeiten bestimmen. Eine allein von mathematischen Regeln hergeleitete Kunst, wie sie etwa Max Bill oder Richard Paul Lohse vertraten, lehnten sie ab.

Scheinbar allgemein verständliche Bildinhalte schufen Künstlerinnen und Künstler gegen Ende der 80er und in den 90er Jahren, indem sie visuelle Elemente aus der Welt der Konsumgüter, aus den Massenmedien oder der Trivialkultur in ihre Werke einbetteten (Ian Anüll, Nic Hess, Fabrice Gygi). Was beim ersten Augenschein als einfache Nachbildung bestehender konventioneller Zeichen gelesen werden kann, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als subversiver Akt: Tradierte ikonische oder sprachliche Bedeutungen werden ins Wanken gebracht, indem vertraute Zeichen und Figuren aus ihrem Zusammenhang gelöst und in einen neuen Kontext versetzt werden.

Seit den frühen 1980er Jahren wenden sich Kunstschaffende wieder vermehrt alten, kaum mehr üblichen Reproduktionstechniken zu: etwa dem Mezzotinto (Jan Jedli
čka), der Aquatinta (Marc-Antoine Fehr), Kaltnadelradierung (Mireille Gros), Heliogravüre (Balthasar Burkhard, Cécile Wick) oder dem Holzschnitt (Franz Gertsch). Häufig dienen Photographien als Ausgangsmaterial für druckgraphische Arbeiten. Aber trotz diesem Rückgriff auf historische Verfahren, die früher wegen ihrer differenzierten Schwarz-Weiss-Wiedergabe zur Vervielfältigung von Kunstwerken eingesetzt wurden, steht der individuelle, künstlerische Duktus im Mittelpunkt und nicht die möglichst exakte und technisch perfekte Wiedergabe der Vorlage.

Das Sampling verschiedenster Medien ist für junge Kunstschaffende zur Regel geworden. Sie arbeiten mit dem Computer und Printer und übertragen dann die so entstandenen Bildvorlagen in die traditionellen Drucktechniken und bearbeiten sie damit weiter (Stefan Altenburger, Dominique Lämmli, Kerim Seiler, Christian Vetter). So entstehen hybride Formen, die zwischen Druckgraphik, Photographie und Computerbild pendeln.

Vernissage: Donnerstag, 17. November 2005, um 18 Uhr, Helmhaus Zürich


Kontakt für diese Ausstellung:
Bernadette Walter (> e-mail)
Publikation
Die Schau schliesst einen dreiteiligen Ausstellungszyklus ab: Nach Fahrt ins zwanzigste Jahrhundert - mit gedruckter Kunst bis in die 1950er Jahre - und Flugstunde - mit Blättern bis Ende der 1970er Jahre - , ist nun diese dritte Ausstellung der Schweizer Druckgraphik der Gegenwart gewidmet. Zum Abschluss des Projekts erscheint die Publikation Schweizerische Druckgraphik im
20. Jahrhundert
von Eva Korazija mit einem Beitrag von Bernadette Walter bei Schwabe, Basel
ISBN 3-7965-2181-9


Begleitprogramm

Donnerstag, 24. November 2005, 18.30 Uhr, Helmhaus Zürich:
Druckgraphik heute
Ein Gespräch mit Silvia Bächli, Dora Frey, Eva Korazija und Kerim Seiler.
Moderation: Paul Tanner

Donnerstag, 1. Dezember 2005, 18.30 Uhr, Graphische Anstalt
J.E. Wolfensberger AG:
Besuch einer Druckwerkstatt
Treffpunkt: Bederstrasse 109, 8002 Zürich (Tram 13 bis Waffenplatzstrasse)

Führungen:
Sonntag, 20. November 2005, 11 Uhr, mit Bernadette Walter

Donnerstag, 29. Dezember 2005, 18.30 Uhr, mit Paul Tanner

Sonntag, 8. Januar 2006, 11 Uhr, mit Bernadette Walter


Seite aktualisiert 28.10.2005_ab