< zurück zum Archiv 24. Januar - 30. März 2007:

Geste und Gestik
Eine Formelsammlung






Henri Courvoisier-Voisin (1757-1830)
Tell verweigert den Gruss des Hutes auf der Stange
um 1790
Aquatinta und Radierung
Graphische Sammlung der ETH Zürich


Gregor Rabinovitch (1884-1958)
Der Sonderling
1921
Radierung und Kaltnadel
Graphische Sammlung der ETH Zürich

Gesten sind Verhaltensformeln. Eine Geste: Das ist eine bewusste oder unbewusste Körperbewegung, die Worte begleitet oder ersetzt - und die irgendetwas bedeutet. Man redet von einer Geste auch im übertragenen Sinn, dann wenn herkömmliches Handeln mehr signalisieren soll als das Handeln selbst - oder das Nichthandeln. Als Wilhelm Tell vorm Hut auf der Stange nicht salutierte, so ist gerade dieses Nichttun von Obrigkeit und Volk als Geste der Unabhängigkeit (wenn nicht gar der Rebellion) verstanden worden - mit allen allbekannten Konsequenzen. Ein und dieselbe Haltung, eine Gebärde, ein Lächeln oder keines können aber in verschiedenen Handlungszusammenhängen Verschiedenes und bisweilen Gegenteiliges heissen.

Solche Situationen werden mit Blättern aus der Graphischen Sammlung der ETH belegt. Und die resultierende Formelsammlung vereint Hohes und Niedriges, Feierliches und Prosaisches. Das ist ja der Vorzug, den ein so reichhaltiger Fundus von 150.000 Drucken und Zeichnungen der Arbeit an einem so reichhaltigen Thema bietet. Denn die Geschichte der Kunstgeschichte überhaupt ist ja eine Geschichte von "Geste und Gestik"!

Deshalb konzentriert sich die Ausstellung auf zwei Anschauungsprinzipien: erstens auf ein Alphabet, das heisst auf knappe Bildassoziationen zu nicht immer ernsthaften Stichworten in der Buchstabenfolge von A bis Z, in einem äusseren Umgang. Zweitens führt ein zentrales Arrangement eine Auslegeordnung des Gestischen vor, und zwar als Kombination von körperlichen Bedingungen und Möglichkeiten ihrer mehr oder weniger kommunikativen Bedeutungsvariationen; das kann sich beim Verhalten "mit leeren Händen" ergeben oder bei wechselnden Umgangsformen mit Gegenständen und Attributen - allein oder zu mehreren Personen.

Vorgeschaltet sind der Ausstellung, in den Gangvitrinen, gewisse Sonderfälle - zunächst die Physiognomik von Lavater und seines Kritikers Georg Christoph Lichtenberg. Weiter geht es um "Gestik als Stil", also um die gestische Spur als Kunstprinzip. Der Begriff "Störgeste" wird angewendet auf einige Arbeiten, die das Gleichgewicht fragloser Auffassungen von Kunst und Kunstbetrieb entweder mit subtiler oder mit ironischer Logik der Störung demonstrativ destabilisieren.

Vernissage: Dienstag, 23. Januar 2007, um 18 Uhr


Kontakt für diese Ausstellung:
Eva Korazija


Seite aktualisiert 7.12.2006_ab